14

 

Claire war von dem Flug immer noch ein wenig flau im Magen, als sie und Andreas später in der Nacht in Boston aus dem Privat-Jet des Ordens stiegen. Es war ein langer Flug gewesen, was vor allem daran lag, dass sich zwischen Andreas und ihr ein Abgrund von unbehaglichem Schweigen aufgetan hatte. Zum Glück war sie vom Schlafmangel nach ihrem katastrophalen Traumspaziergang zu ihm so übernächtigt gewesen, dass sie während des Fluges sehr müde gewesen war. Sie hatte fast die ganze Zeit über geschlafen, aber er war dazu viel zu unruhig gewesen.

Selbst jetzt, als er sie über den privaten Hangar zu dem schnittigen schwarzen Landrover führte, der zu ihrer Begrüßung gekommen war, vibrierte Andreas praktisch vor brütender, gefährlicher Energie.

„Tegan und Elise“, sagte er, als ein riesiger Stammesvampir mit lohfarbenem Haar und seine zierliche blonde Gefährtin aus dem Wagen stiegen.

Bei ihrem Anblick veränderte sich Andreas' Auftreten schlagartig. Die entnervende Unnahbarkeit, die er ihr gegenüber auf dem Flug an den Tag gelegt hatte, wich vertrauter Herzlichkeit. „Meine Freunde“, sagte er und trat vor, um das schöne blonde Paar zu begrüßen.

In einem seiner kurzen gesprächigen Momente auf dem Flug hatte Andreas erwähnt, dass Elise die Gefährtin eines Agenturdirektors hier in Boston gewesen war. Sie hatte ihn vor einigen Jahren verloren, als er im Dienst von einem Rogue angegriffen worden war. Und ihren einzigen Sohn hatte sie erst im letzten Jahr verloren. Claire war nicht in die Details eingeweiht, wie es Elise gelungen war, mit Tegan ein zweites Glück zu finden, aber der Frieden, den die beiden beim Näherkommen ausstrahlten, machte deutlich, dass sie einander innig liebten.

Claire blieb etwas zurück, als Andreas die Hand der Frau an die Lippen führte und ihre Finger mit einem keuschen, freundschaftlichen Kuss streifte. Sie hatte kein Recht, auch nur das kleinste bisschen eifersüchtig zu sein, aber als die hübsche Stammesgefährtin Andreas zur Begrüßung umarmte, versetzte es ihr doch einen Stich.

So wie Elises Gefährte gerade schaute, ging es ihm ähnlich. Der große, muskulöse Stammeskrieger mit dem wild zerzausten goldenen Haar hatte etwas Kompromissloses an sich, so wie seine glitzernden smaragdgrünen Augen mit einer Mischung aus Stolz und reinem maskulinem Beschützerverhalten über seine Frau wachten. Andreas hatte ihr gesagt, dass Tegan ein Gen-Eins-Vampir war, und jetzt, da sie ihn aus der Nähe sah, hätte Claire es auch selbst erraten.

Seine beherrschte Ruhe ließ an das Gebaren einer Raubkatze denken; all seine Muskeln mochten entspannt wirken, doch schon im nächsten Sekundenbruchteil konnte er in tödliche Aktion treten, wenn er den Eindruck hatte, dass seine Welt oder die Gefährtin, die er so offensichtlich vergötterte, in irgendeiner Weise bedroht waren.

„Hallo, Claire. Ich bin Elise“, sagte Tegans Stammesgefährtin, ließ Andreas los, kam zu ihr und begrüßte sie mit der gleichen Freundlichkeit wie ihn.

Während die beiden Männer einander die Hände schüttelten, fand Claire sich in einer herzlichen Umarmung wieder. Elise trat zurück, in ihren Augen glänzten Intelligenz und Wärme, ihr kinnlanger blonder Pagenkopf umrahmte ihr zartes Gesicht.

„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen. Wir sind einander zwar nie begegnet, aber ich bin mit einigen Ihrer karitativen Projekte in Hamburg vertraut. Sie haben wirklich eine Menge für die Dunklen Häfen dort getan.“

Claire zuckte schwach die Schultern. Das Lob verursachte Ihr Unbehagen, wenn sie daran dachte, aus welchem Grund sie so überstürzt mit Andreas in die Staaten gekommen war. Und obwohl die beiden Männer mit gedämpfter Stimme sprachen, hörte sie Tegans gemurmelte Beileidsbezeugung wegen des Todes von Andreas' Verwandten und der Vernichtung seines dunklen Hafens.

„Ich erinnere mich an einen deiner jungen Neffen und seine scheue Stammesgefährtin. Sie war damals schwanger, als ich vor einem Jahr zum letzten Mal bei dir in Berlin war“, fügte Tegan hinzu, die Brauen über den grimmigen grünen Augen gerunzelt.

Andreas nickte ernst. „Sie hatten mich gebeten, Pate zu sein, als du dort warst.“

„Ja“, erwiderte der Krieger und lächelte schwach, als er sich daran erinnerte. Dann verfinsterte sich seine Miene vor Mitgefühl. „Wir waren alle fassungslos, als wir es hörten. Dieser Überfall wird nicht ungerächt bleiben, nicht, wenn der Orden etwas dabei zu sagen hat.“

Tegan warf einen flüchtigen Seitenblick in Claires Richtung, nahm unausgesprochen die Rolle ihres Gefährten bei der Tragödie zur Kenntnis, die Andreas als Einziger überlebt hatte. Ihr Gefühl von Schuld und Unbehagen verstärkte sich, wie auch der nervöse Knoten in ihrem Bauch. Ihre Nerven waren ungewöhnlich angespannt, schickten ein ängstliches Flattern in ihre Brust.

Andreas legte Tegan die Hand auf die Schulter, als sie ihr leises Gespräch fortsetzten. „Ich will, dass du mir etwas versprichst, mein Freund. Wenn sich herausstellen sollte, dass Dragos auch nur entfernt damit zu tun hat, was mit meinem Dunklen Hafen geschehen ist, werde ich alles tun, um euch zu helfen, den Mistkerl zu kriegen und auszuschalten. Aber Roth gehört mir allein. Kannst du mir so viel versprechen?“

Der Krieger nickte langsam. „Ich kenne die Art von Hass, den du gerade fühlst. Mir ging es genauso. Ich bin der Letzte, der dir sagt, wie du mit deinen Dämonen fertig werden sollst, aber sei einfach vorsichtig, okay? Es laufen so viele Bastarde frei herum, die es mehr als verdient haben, abgeknallt zu werden, aber Rache frisst einen auf, wenn man sie nicht in den Griff bekommt.“

Der Rat kommt wohl schon zu spät, dachte Claire und registrierte Andreas' starre Haltung und seinen harten, getriebenen Blick, als alle zusammen auf den wartenden Geländewagen zugingen. Sein Drang, seine Familie und seine sterbliche Geliebte zu rächen, schien durch die Tatsache, dass die Gerechtigkeit, nach der er dürstete, erst noch in die Tat umgesetzt werden musste, immer stärker und explosiver, zu werden.

Nach den Schrecken, die er ihr in seinem Traum gezeigt hatte, konnte sie diese Wut zum Teil verstehen, sogar nachvollziehen. Aber nach allem, was sie in diesen letzten Tagen von ihm gesehen hatte, machte sie sich Sorgen, dass ihm an seinem eigenen Leben womöglich überhaupt nichts mehr lag.

Wäre ihm überhaupt noch etwas heilig, wenn er endlich die Chance bekam, den Mann zu vernichten, der ihn so verletzt hatte?

Wilhelm.

Allein beim Gedanken an ihn drehte sich ihr vor Verachtung der Magen um. Claire hatte nun keine Hoffnung mehr, dass Andreas' Anschuldigungen gegenüber Wilhelm haltlos waren. Aber was ihr am meisten zu schaffen machte, war, dass ihre Beziehung zu Andreas nichts Gutes bringen würde - ihnen beiden nicht.

Er schien ihre Zuneigung weder zu wollen noch zu brauchen. Er lebte jetzt nur noch für einen einzigen Zweck, und sie kannte ihn gut genug, um zu verstehen: Wenn er zwischen seinem eigenen Leben und der Gerechtigkeit wählen musste, nach der er dürstete, dann würde er bis zum letzten Atemzug dafür kämpfen, dieses Ziel zu erreichen.

Der Gedanke, dass Andreas sterben könnte - schon zum zweiten Mal, nachdem er so wundersam auferstanden und in ihr Leben zurückgekehrt war-, war Claire unerträglich. Er brachte sie fast zum Stolpern, als sie sich dem Fahrzeug näherte und von der Stadt her kühle Nachtluft heranwehte.

Das seltsame Unbehagen ließ sie nicht mehr los, und in ihren Venen schwoll ein ungutes Summen an.

Immer stärker nahm sie jetzt eine andere Präsenz wahr, die sie bisher nicht hatte zuordnen können, erst jetzt, als es in ihren Zellen wie von einem Alarmsignal schrillte.

Wilhelm war in der Nähe.

Oh Gott. Wie hatte ihr das nur entgehen können?

Sie war mit Andreas, seinen Freunden und ihrem eigenen Gefühlschaos so beschäftigt gewesen, dass sie die Signale ihres Körpers nicht wahrgenommen hatte, der ihr durch ihre Blutsverbindung sagte, dass ihr Gefährte irgendwo in der Nähe war.

Irgendwo in der Stadt Boston, sie war sich ganz sicher.

Was tat er hier?

„Claire, alles in Ordnung?“ Elise legte ihr besorgt die Hand auf den Arm. „Ist was mit Ihnen?“

Sie schüttelte den Kopf, noch heftiger, als Andreas mit Tegan stehen blieb und ihr einen fragenden, argwöhnischen Blick zuwarf.

„Mir ist etwas schwindlig“, sagte sie und griff zur nächstbesten Ausrede, um Andreas nicht sagen zu müssen, dass der Feind, den er töten wollte - und der gleichermaßen entschlossen war, ihn zu töten - , vermutlich nur ein paar Kilometerweit von ihm entfernt war. Andreas durfte nicht wissen, dass Wilhelm so nahe war. Sie durfte es ihn nicht wissen lassen, dachte sie, und ein plötzliches Grauen kroch ihr die Kehle empor.

„Was hast du?“ Andreas' tiefe Stimme klang besorgt, reichte aber nicht aus, die Angst zu beschwichtigen, die sich jetzt in ihr erhob.

„Nichts“, sagte sie und log ihn nur an, weil die Wahrheit ihn sofort losstürmen lassen würde, dem Tod geradewegs in die Arme. „Alles bestens. Ich bin nur eine Weile nicht mehr geflogen, wahrscheinlich leide ich nur etwas an Luftkrankheit. Das wird schon wieder, ich brauche nur einen Augenblick Ruhe, bis es vorbeigeht, das ist alles. Gibt es hier irgendwo eine Toilette?“

„Dort drüben“, sagte Elise und zeigte auf das Terminalgebäude in der Nähe. „Ich begleite Sie...“

„Nein“, platzte Claire heraus. „Ich finde mich schon allein zurecht. Bitte... wartet hier. Ich bin in ein paar Minuten zurück.“

Alles, was sie davon abhielt, loszurennen, war Andreas' zweifelnder Blick.

Er musste wissen, dass sie sich in einem emotionalen Aufruhr befand; die Blutsverbindung, die ihn jetzt an sie band, würde ihm das sofort sagen.

Aber es war ihre andere Verbindung - die sie zeit ihres Lebens an Wilhelm Roth kettete - , die sie in heller Panik davontrieb.

Sie floh in die Toilette, atemlos und zitternd. Wenn sie in ihrem Blut spürte, dass Wilhelm in der Nähe war, dann musste er seinerseits wissen, dass sie in der Stadt war. Dass er sie womöglich suchen würde, war zu entsetzlich, um auch nur darüber nachzudenken.

Und wenn Andreas sie im umgekehrten Fall dazu zwang, Wilhelm durch ihre Blutsverbindung aufzuspüren? Das würde sie sich nie verzeihen, und ihm auch nicht.

Und dann war da noch eine schwerwiegendere, noch beunruhigendere Frage. Was, wenn Wilhelm Roth wirklich in etwas Größeres verwickelt war, als sie je geahnt hatte - wenn er mit Dragos im Bunde war?

Welche Chancen hatte Andreas gegen Wilhelms Killerkommandos und, noch schlimmer, gegen das größere Übel, einen Feind, den bisher nicht einmal der Orden hatte besiegen können?

Oh Gott. Sie durfte Andreas einfach nicht wissen lassen, dass Wilhelm in der Gegend war.

Sosehr er auch seine Rache wollte, Claire wünschte sich noch mehr, dass er am Leben blieb. Sie wollte sich nicht zum Instrument seiner Vernichtung machen lassen, und genau das war sie gerade, solange sie weiter mit ihm zusammenblieb.

Sie musste aus Boston weg.

Sie musste weit weg von Andreas ... bevor ihre Verbindung zu Wilhelm sie verriet und ihn direkt in seinen Tod führte.

„Seid ihr sicher, dass ihr das gesehen habt? Denn das ist eine verdammt ernste Sache, ich muss mir absolut sicher sein.“ Lucan, der unruhig im Techniklabor auf- und abgegangen war, blieb stehen, um Kade und Brock anzusehen, die gerade mit höllischen Neuigkeiten von der Patrouille zurückgekommen waren.

„Kein Zweifel. Wir sind beide sicher, dass es Hunter war.“

„Ja“, sagte Kade und fuhr sich mit den Fingern durch seinen Struppigen schwarzen Haarschopf.

Seine quecksilberfarbenen Augen mit den dunklen Wimpern hielten Lucans Blick stand. „Er war es. Diese Glyphen sind schwer zu verkennen, und es ist ja nicht so, dass wir jede Nacht auf der Patrouille mit einem Gen Eins zusammenstoßen.“

Lucan grunzte. „Und er hat euch beide gesehen?

Hat er euch auch erkannt?“

„Der Bastard hat uns sogar noch direkt angesehen, bevor er in die Stadt verschwunden ist“, erwiderte Brock. Der schwarze Krieger bleckte in einem kaum verhohlenen Fauchen die Zähne.

„Als wollte er sogar, dass wir ihn sehen. Als wollte er, dass wir sehen, was er getan hat.“

Während Lucan diese Neuigkeiten in sich aufnahm, öffnete sich abrupt die Glastür des Techniklabors und Chase kam in den Raum gestapft. Er roch nach Pulver, Adrenalin und dem typisch metallischen Geruch von gerinnendem menschlichem Blut.

Prompt drehte Gideon sich von seinen Computermonitoren weg, über die gerade eine lange Liste von gehackten Daten lief.

„Himmel, Harvard. Was ist denn mit dir passiert?“

Der ehemalige Agent ließ sich schwer in den nächsten Stuhl fallen, riss sich die schwarze Strickmütze herunter und warf sie vor sich auf den Konferenztisch. „Ich habe die letzte Stunde damit verbracht, im Norden der Stadt ein totes Gangmitglied verschwinden zu lassen. Jemand hat dem Bastard die Kehle zerfetzt und ihn praktisch ausbluten lassen. Hat ihn da einfach liegen lassen, in aller Öffentlichkeit. Man hätte ihn jederzeit finden können.“

Lucan fing Kades Seitenblick auf. Die beschriebenen Verletzungen und die dreiste Art des Angriffs waren zu verdammt ähnlich, um ein Zufall zu sein. „Hast du eine Spur von dem Vampir gesehen, der das getan hat?“

Chase sah auf und zögerte, als sei er nicht sicher, ob er seinen Verdacht laut äußern sollte. „Ich habe jemanden in der Gegend gesehen, aber er ist abgehauen, bevor ich nahe genug rankam, um ihn eindeutig zu identifizieren.“

„Dafür sind wir nahe genug an den Scheißkerl rangekommen“, warf Kade ein.

Chases stählerne blaue Augen wurden schmal.

„Wovon redest du?“

„Nachdem du den Club verlassen hattest, gerieten Brock und ich in genau dieselbe Situation.

Menschliches Opfer, schwerer Fall von zerfetztem Kehlkopf, Blutspuren fast zwei Blocks weit und auf öffentlichem Gelände zum Sterben liegen gelassen.

Als wir dem Opfer folgten, war sein Killer immer noch in der Nähe. Riesiger Bastard mit Gen-Eins-Glyphen und rasiertem Schädel.“

„Ach du Scheiße.“ Chase stieß langsam den Atem aus. „Also war es wirklich Hunter. Ich habe ihn auch gesehen. Aber mein Bauchgefühl hat mir geraten, nicht vorschnell zu urteilen, weil Ich ihn nicht genau gesehen habe. Verdammt, ich weiß, dass der Typ keine Umgangsformen hat, so wie er aufgewachsen ist, aber diese Scheiße hier ist psychotisch.“

„Schätze, jetzt müssen wir ihn nicht mehr fragen, was er in seiner Freizeit macht“, bemerkte Gideon trocken.

Lucan warf den anderen Kriegern einen finsteren Blick zu. ...Sobald ihn jemand sieht oder von ihm hört, will ich es sofort wissen. Und wenn einer von euch wieder einen Mord an einem Menschen mit ansieht wie den heute Nacht und unser Junge ist dort irgendwo in der Nähe und weigert sich, friedlich mitzukommen, habt ihr meine Erlaubnis, den Bastard zu liquidieren.“

„Scheiße, Lucan. Ist das dein Ernst?“ Gideon schüttelte den Kopf. „Es gibt ein kleines Mädchen hier in unserem Hauptquartier, dem es das Herz brechen wird, wenn Hunter etwas passiert. Er ist zwar kein Charmebolzen, aber Mira vergöttert ihn. Und so seltsam sich das anhört, ich glaube, das Gefühl ist gegenseitig. Ihr habt gesehen, wie vorsichtig er mit dem Kind umgeht. Er weiß, wenn Mira nach unserem Überfall auf Dragos' Versammlung nicht um sein Leben gefleht hätte, hätte Niko ihm eine Kugel in den Schädel gejagt. Hunter würde alles für dieses Kind tun.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, was er ist“, erinnerte Lucan Gideon und die anderen. „Ich will auch glauben, dass er auf unserer Seite ist, so sehr wie ihr alle - Teufel noch mal, so wie die Dinge die letzte Zeit laufen, brauchen wir ihn sogar auf unserer Seite. Aber lasst uns nicht vergessen, dass er bis vor drei Monaten noch eine von vielen Waffen in Dragos' Arsenal war. Eine gnadenlose, tödliche Waffe.“

Gideon nickte. „Vielleicht sollte Tegan mit ihm reden, sehen, was er jetzt von unserem jungen Soldaten ablesen kann“, sagte er und spielte auf Tegans Fähigkeit an, die Gefühle von anderen durch Berührung zu lesen. Dieser Fähigkeit hatte Hunter es zu verdanken, dass er grünes Licht bekommen hatte, als er seine Dienste letzten Sommer in Montreal dem Orden angeboten hatte.

„Tegan ist auf den Flughafen rausgefahren“, sagte Lucan. „Weiß jemand, wann Hunter sich heute Nacht von der Patrouille zurückmelden wollte?“

Als alle im Raum reihum die Schultern zuckten, stieß Lucan einen Seufzer aus. „Wir haben gerade weiß Gott genug am Hals, auch ohne diese Scheiße.

Ich will, dass das aufhört und dass Hunter so schnell wie möglich von der Straße geholt wird, damit wir endlich ein paar verdammte Antworten bekommen.“

Kade, Brock und Chase murmelten ihre Zustimmung, dann gingen sie zusammen aus dem Techniklabor. Als sie fort waren, wandte Lucan seine Aufmerksamkeit wieder Gideon zu.

„Gibt es was Neues bei den Vermisstenmeldungen aus den Dunklen Häfen der Region, die Dylan und Savannah überprüfen? Ich könnte zur Abwechslung mal gute Neuigkeiten gebrauchen.“

So wie Gideon ihn ansah, bekam Lucan das Gefühl, dass diese schlimme Nacht noch lange nicht zu Ende war.

Reichen saß mit Tegan und Elise im Rover und wurde mit jeder Minute unruhiger. Claire war jetzt eine ganze Weile fort. Schon über siebzehn Minuten.

Sie war praktisch sofort losgerannt, nachdem er und Tegan besprochen hatten, was mit Wilhelm Roth zu tun war. Es war gefühllos und unsensibel von ihm gewesen, das in ihrer Gegenwart zu bereden, wie er jetzt erkannte. Auch wenn er den Mann hasste, war er immer noch Claires langjähriger Gefährte. Er war Ihr eine Entschuldigung schuldig, und die würde sie bekommen, sobald sie zurück zum Fahrzeug kam.

Er hatte Claires stilles Unbehagen schon während des Fluges gespürt und wusste, dass er auch dafür verantwortlich war. Er kam sich wie ein Idiot vor, nach allem, was passiert war, seit sie Ihn bei Danika im Traum besucht hatte. Der Sex war wirklich unglaublich, aber nicht geplant gewesen. Er hatte sie mit solcher Wildheit begehrt, und sobald sie vor ihm gestanden hatte - Traum hin oder her - , war er einfach nicht mehr dazu in der Lage gewesen, sie von sich zu stoßen. Es war der andere Teil des Traumes, den er bedauerte.

Den er jedoch genauso wenig hatte verhindern können. Er hatte nicht die Absicht gehabt, Claire mitten in das Gemetzel seines Dunklen Hafens zu führen, ebenso wie er sie dem anderen Albtraum, der ihn schon so lange verfolgte und der ihn nie loslassen würde, hatte aussetzen wollen.

Niemand sollte diese Art von Horror mit ansehen müssen, sie am allerwenigsten.

Nichts von alldem war ihre Schuld, aber das hatte sein Unterbewusstes nicht davon abgehalten, sie mitten in das Gemetzel hineinzuprojizieren, und, noch schlimmer, in der Rolle von Helene.

Seine Schuldgefühle wegen allem, was seinen Verwandten und Helene geschehen war, tobten immer noch als wilder Schmerz in seiner Seele.

Und ja, vielleicht machte er sich in einem paranoiden Winkel seiner Seele doch Sorgen, dass Claire genau wie Helene gegen ihn benutzt werden konnte - dass ihre Blutsverbindung ihn irgendwie an Roth verraten könnte. Es gab nicht mehr viel, was Roth ihm noch antun konnte; er hatte ihm schon alles genommen, was er hatte.

Aber er konnte Claire etwas antun.

Reichen hatte mehr erlitten und überlebt, als er geglaubt hatte, ertragen zu können. Wenn Claire etwas zustieß, weil sie unfreiwilligerweise in seinen Rachefeldzug hineingezogen worden war, wusste er ohne jeden Zweifel, dass es ihm den Rest geben würde. Es würde ihn umbringen.

„Sie ist schon zu lange fort“, murmelte er, als ein seltsames Gefühl von Leere sich in seiner Brust auszubreiten begann. „Da stimmt etwas nicht.“

Elise drehte sich vom Beifahrersitz zu ihm um. „Stimmt. Ich gehe mal nach ihr sehen.“

Tegans Stammesgefährtin stieg aus dem Geländewagen und ging auf das Terminalgebäude zu, in dem Claire verschwunden war. Keine Minute später war sie schon wieder zurück, ihr Gesicht vor Sorge angespannt, als sie zum Wagen zurückeilte.

„Sie ist nicht in der Toilette. Ich habe alle Kabinen überprüft und die Halle davor im Terminalgebäude.

Sie ist nicht dort.“

„Verdammt. Steig ein, Schatz“, sagte Tegan zu Elise.

„Weit kann sie nicht sein. Wir fahren, bis wir sie gefunden haben.“

„Nein.“ Reichen öffnete die Tür und stieg aus. „Ich kümmere mich darum. Ich glaube, ich weiß, wohin sie gegangen ist.“

Er konzentrierte sich auf die Blutsverbindung, die ihm sagte, dass sie sich weiter von ihm fortbewegte, und richtete all seine Sinne auf sie wie ein Suchscheinwerfer. Die Verbindung würde ihn zu ihr führen, aber selbst ohne sie hatte er das Gefühl, dass er wusste, wo Claire Zuflucht suchen würde, wenn sie sich von allem überrollt und verwirrt fühlte.

Tegan ließ sein Fenster herunter und richtete seine durchdringenden smaragdgrünen Augen auf ihn.

„Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?“

Reichen schüttelte den Kopf. „Fahrt ohne mich. Ich muss ihr nach.“

Tegan nickte ihm zu, dann griff er in seine Jackentasche und zog ein Handy heraus. „Nimm das.

Die letzten zwei Kurzwahllasten verbinden dich mit dem Hauptquartier.“

„Danke“, sagte Reichen. „Ich melde mich, sobald ich kann.“

Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11
titlepage.xhtml
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_000.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_001.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_002.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_003.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_004.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_005.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_006.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_007.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_008.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_009.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_010.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_011.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_012.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_013.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_014.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_015.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_016.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_017.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_018.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_019.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_020.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_021.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_022.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_023.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_024.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_025.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_026.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_027.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_028.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_029.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_030.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_031.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_032.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_033.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_034.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_035.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_036.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_037.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_038.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_039.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_040.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_041.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_042.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_043.htm
Midnight Breed 06 - Gesandte des Zwielichts-neu-ok-16.11.11_split_044.htm